Leseprobe aus „HOVOKK“

Von allen Ereignissen, die Brent heute durchgestanden hatte, war der Umstand, dass Polianna bei den ersten in Settis eintreffenden Sanitäter-Teams dabei war, der sonderbarste. Zunächst hatte er misstrauisch gestutzt, als ein Corporal ihm die Eilmeldung übermittelte, dass Doktor Polianna Reed ihn unbedingt in einer bestimmten Angelegenheit sprechen musste, die keinen Aufschub duldete. Es erinnerte ihn sehr stark an das letzte Gespräch mit der Ärztin an Bord der Eco, als sie von einer möglichen Gefahr sprach, die ihm durch ihre Vorgesetzten noch drohen mochte. Es musste mehr als ein Zufall sein, dass sowohl Brent als auch Polianna im selben Einsatzgebiet eingeteilt worden waren.

Doch letztlich überwog bei Brent die Freude über das Wiedersehen und die damit einher gehende Klarheit, dass es ihr gut ging. Captain Carpico erfuhr, dass Polianna vor knapp einer Stunde die Sicherungsposten an den Grenzen der Stadt passiert hatte. Gewiss versorgte sie gemeinsam mit ihrem Team neben verletzten Soldaten auch die zahlreichen, verwundeten menschlichen Bewohner der Stadt. Für die markkisianischen Bürger hatte man eigens dafür alle kurzfristig verfügbaren Menschen abkommandiert, die mit der Anatomie der Markkya vertrauen waren, um diese bestmöglich zu versorgen. Da Settis gegenwärtig als gesichert galt, wollte man die Stadt so schnell als möglich zu einer befestigten Kommandobasis für die weiteren Operationen der Astrotroops ausbauen. Die übrig gebliebenen Kertekk–Krieger waren vollständig aus der Stadt vertrieben worden.

Trotz der Nachricht über den errungenen Sieg blieb Brent angespannt. Nicht, dass er eine unmittelbare Gefahr spürte, wie bei seinem Kampf auf Nativia. Es war mehr ein instinktives Kribbeln in seinem Nackenbereich, das man verspürt, wenn etwas im Schatten auf jemanden lauert; bereit, auf einen loszustürmen. Womöglich war er bloß beunruhigt über das, was Poliannas Verdacht anging. Außerdem war er auch noch unschlüssig, was mit der kleinen Rona geschehen sollte. Augenblicklich fragte ihn niemand, wer denn das Kind sei, das seine rechte Hand fest umklammert hielt und neben ihm herlief. Aber das war nur eine Frage der Zeit. Seine Vorgesetzten würden ihn schon bald berechtigterweise zur Rede stellen.

All diese Gedanken lösten sich schlagartig in Luft auf, als er mit seiner Truppe durch die verwüsteten Straßen den Rückweg zum Stadtrand antrat und inmitten von Rauchschwaden eine Frau erblickte, die auf ihn zulief. Es war Polianna.

Rasch wies er seine Soldaten an, einen Augenblick zu warten und auf Rona aufzupassen. Dann eilte er Polianna entgegen. Ihr stand ein gemischter Ausdruck von Freude und Angst ins Gesicht geschrieben, als sie Brent erreichte und sie sich in die Arme schlossen.

Ihre Umarmung dämpfte Poliannas Stimme ab. „Dem Himmel sei Dank!“, hörte Brent sie sagen.

Brent murmelte ein „Ja“.

Sie löste sich ein Stück, um ihn prüfend zu betrachten.

Brent fragte: „Und dir geht es auch gut?“

Sie nickte. Dennoch klang sie auf einmal sehr ernst. „Wir müssen dringend etwas besprechen!“

Mit einem raschen Blick auf die weiter hinter ihm wartenden Männer entgegnete Brent: „Na schön. Lass uns dort rüber zu dem Treppenaufgang gehen.“

Nicht weit von ihnen führte eine flache, vierstufige Treppe zu einem unversehrt gebliebenen Hauseingang. Dorthin zogen sie sich zurück, um außerhalb der Hörweite seiner Einheit und der übrigen, nachrückenden Troops zu bleiben, die unterwegs zum Stadtzentrum die staubige Straße hinab marschierten.

Obwohl ihr erfolgreicher Einsatz ein Anlass zur Entspannung war, konnte er nichts davon bei Polianna spüren. Sie wirkte fahrig, beäugte immer wieder die passierenden Soldaten.

„Sie werden dich in Kürze aufsuchen Brent. Und so gerne ich damit falsch liegen würde, befürchte ich, dass sie dich hier abziehen werden und du mit ihnen gehen musst!“

„Woher willst du das wissen? Was ist der Grund …“?

Polianna legte einen Finger auf ihren Mund. „Still!“, beschwor sie ihn heiser. „Bestimmt werden wir bereits von ihnen beobachtet! Denk an unser Gespräch auf der Eco. Erinnerst du dich noch daran? Es wird so geschehen! Seit unserem letzten Gespräch habe ich noch mehr herausgefunden. Doch das muss warten. Wir müssen sofort von hier verschwinden!“

Brent wurde schwindlig bei diesen Worten. „Verschwinden? Wohin? Wie stellst du dir das vor? Was sollen wir tun?“

„Keine Zeit für Erklärungen oder Diskussionen. Du musst sofort gehen. Und ich werde mit dir kommen.“

„Polianna – nein. Das kann ich nicht tun.“ Er senkte seine Stimme, blickte sich dabei verstohlen um. „Und mit mir kommen kannst du erst recht nicht. Das ist doch aussichtslos.“

„Nicht, wenn wir uns augenblicklich aus dem Staub machen. Jede Minute, die wir vergeuden, wird es schwieriger machen. Noch können wir das vorherrschende Chaos hier für uns nutzen.“

Wie ein Blitz fiel ihm das Mädchen ein. Er musste auch an Rona denken. „Polianna, ich muss mich um das Kind dort drüben kümmern. Ein Waisenkind. Ich kann sie nicht einfach so im Stich lassen. Das ist doch verrückt!“

Polianna folgte seinem Blick, und dann sah sie das kleine, dunkelhaarige Mädchen, das sie aus der Ferne stumm anstarrte. Man konnte fast zu der Überzeugung gelangen, dass das Kind jedes Wort ihres Gesprächs mit angehört hatte.

Brent hoffte inständig, dass Polianna Verständnis für seine Beweggründe hatte. Schließlich kannte sie die Vergangenheit des Captains; dass er während der Maschinenkriege seine Eltern verloren hatte und als Kriegswaise aufgewachsen war. Daher musste sie längst erraten haben, was er mit dem Kind zu tun gedachte. Es sollte nicht dasselbe Trauma wie er durchleiden: Durch einen Krieg alles zu verlieren, was ihm lieb und teuer gewesen war.

Die Ereignisse überschlugen sich. Sie standen beide wortlos einander gegenüber; nicht in der Lage zu entscheiden, was als Nächstes geschehen sollte. Polianna schien allmählich zu begreifen, wie verzwickt ihre Situation war. Ungeachtet dessen tauchte wie aus dem Nichts ein dreiachsiger, dunkelblauer Panzer auf, der direkt auf sie zuhielt und, das Tempo drosselnd, vor ihnen zum Stehen kam.

Als der durch das Fahrzeug aufgewirbelte Staub sich legte, erkannten sie, dass es ein Panzer der Militärpolizei war. Brent und Polianna blieben starr vor Schreck stehen. Die Lenker des Panzers schienen ganz gezielt nach ihnen gesucht zu haben.

An der Seite des Fahrzeugs schwang eine mannshohe Klappe seitwärts. Eine uniformierte Gestalt stieg heraus. Es war ein Mann, der einen schwarzen Overall und ebenso schwarze, schwere Lederstiefel trug. Auf dem kahl rasierten Kopf trug er ein schräg aufgesetztes, dunkelblaues Barett. Gewichtig ging er auf Polianna und Brent zu. Zwei weitere Männer in gleichen Uniformen stiegen hinter ihm aus dem Panzer. Die beiden Männer trugen allerdings weiße Baretts. Die Begleiter waren mit Kurzgewehren bewaffnet und bauten sich links und rechts neben ihrem Anführer auf, der direkt vor Polianna und Brent stehenblieb. Er blickte sie beide abwechselnd mit ernster Miene an.

Als er mit rauer Stimme zu sprechen begann, bemerkten beide sein schon fast spöttisches Grinsen: „Captain Brent Carpico – und Doktor Polianna Reed! Was für ein freudiger Zufall, dass ich Sie hier beide gemeinsam antreffe!“ Er atmete tief ein, ließ den Blick über die Straße, die wartenden Soldaten und die Militärfahrzeuge gleiten. Dann atmete er aus. „Ist das nicht ein herrlicher Tag?“

Die beiden sagten kein Wort.

Der Mann fuhr fort: „Ich muss Ihnen beiden meinen aufrichtigen Dank aussprechen. Sie und Ihre Kameraden haben heute einen großartigen Sieg errungen! Aber Sie können sich bestimmt denken, dass ich nicht aus diesem Grund hierhergekommen bin.“ Er ließ Polianna aus den Augen, fixierte nur noch Brent und legte den Kopf schief. „Im Grunde geht es nur um Sie, Captain Carpico!“

Brent konnte spüren, dass seine Soldaten und allen sonstigen Menschen, die in unmittelbarer Nähe standen, das Auftauchen der Militärpolizei mit wachsendem Staunen verfolgten. Polianna, das bemerkte er aus dem Augenwinkel, machte ein entsetztes Gesicht.

„Um mich? Worum geht es? Und mit Verlaub, Sir: Wer sind Sie überhaupt?“

„Ah!“ Der Mann wechselte seine Haltung. „Bitte verzeihen Sie! Ich bin Oberst Rodney Namoz. Von der Militärpolizei-Sektion. Wir sind auf der TC Eco mitgeflogen und wurden vom Kommando hierher beordert. Hierher zu Ihnen. Wir müssen uns in einer dringenden Angelegenheit mit Ihnen unterhalten.“ Der Oberst zeigte mit dem Zeigefinger nach oben, zum Himmel. „Auf der Eco, nicht hier.“

Brent wusste nicht recht, wie er reagieren sollte. „Ich befinde mich mitten in einem Einsatz. Mein Kommandant …“

„Ihr Kommandant weiß darüber Bescheid. Wir haben eine offizielle Erlaubnis, Sie zurück zur Eco begleiten. Genau genommen war es Ihr Kommandant, der uns aufgetragen hat, Sie hier abzuholen.“

„Ich verstehe nicht …“

Oberst Namoz schien ihm gar nicht richtig zuzuhören. Er wies mit einer Handbewegung auf den bereitstehenden Panzer. „Wollen wir?“

„Brent.“, hörte er Polianna kraftlos rufen.

Es lag eindeutig nicht an der absurden, unwirklich ablaufenden Szenerie, die bei Brent für eine wachsende Unruhe sorgte. Erst richteten sich seine Nackenhaare auf; und dann spürte er ein klopfendes Pochen an seinen Schläfen…

-ENDE DER LESEPROBE-

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